Stella Engelroman

04. Die Berührung

Ich öffne die Augen. Es ist bereits fast dunkel. Es muss also ungefähr zehn Uhr abends sein, denn wir haben den 21. Mai. Ich stehe auf einer Wiese in einem Park. Und ich weiß, was ich zu tun habe. Schließlich hat mir Gabriel den Anfang meiner Mission gezeigt. 
Ich gehe mit zügigen Schritten von der Wiese auf den Weg, der zu einem der Ausgänge des Parks führt. Ich habe den Park noch nicht verlassen, als ich ein Auto mit hoher Geschwindigkeit auf der Straße höre. Dann folgt ein Aufprall. Und das Auto braust davon. Ich beginne zu rennen. Am Ausgang des Parks wende ich mich nach rechts und laufe an der Bushaltestelle vorbei. Ich weiß, wo Magdalena liegt. Während ich laufe, schaffe ich es tatsächlich meine Gedanken auf die Schritte und auf das zu lenken, was ich zu tun habe. Und als ich die Stelle erreiche, an der Magdalena liegt, bin ich innerlich vollkommen ruhig. Magdalena liegt bewusstlos da. Damit ich sie schützen kann, damit wir sofort miteinander verbunden sind, muss meine Menschenhand wieder zu einer Engelhand werden. Nur eine Engelhand kann einen schwer Verletzten so sanft und doch so stark berühren, dass er ein Siegel bekommt, das der Tot nicht antasten kann, und das doch so sanft ist, dass die Heilung beginnen kann. Und dieser Schutz ist so, dass die meisten Menschen ihn nicht bemerken. Denn man kann das Siegel nicht sehen oder fühlen. Obwohl man diese Fähigkeit auch als Schutzengel in Menschengestalt selten braucht, habe ich sorgfältig geübt, was ich tun muss, um meine Hand zur Engelhand zu verwandeln. In dieser Hinsicht bin ich wie als Mensch auch ein Linkshänder. Ich richte, mein drittes Auge konzentriert auf meinen linken Handrücken und bin erleichtert, dass meine Hand zu leuchten beginnt. Sie erfüllt sich mit einer besonderen Wärme, Kraft und mit einem rotgoldenen Glanz. Ich beuge mich sanft zu Magdalena herunter und berühre sie mit der Hand, die von Herzen kommt, am Kopf, der schwer verletzt ist und am Herzen. Danach richte ich mich wieder auf und mache das Kreuzzeichen über ihr. Und in der ganzen Zeit halte ich den Blick meines dritten Auges auf meine Hand gerichtet. Danach wende ich meinen Blick von meiner Hand ab. Das Leuchten und die Wärme hören sofort auf. 
Ich greife in die Tasche meiner Lederjacke. In der Tasche, in der sich mein Personalausweis befindet, steckt auch ein flaches Handy. Ich habe gelernt mit den technischen Dingen sicher umzugehen. Ich nehme das Handy und wähle die Nummer des Notrufs.Ich melde den Unfall. Und es fällt mir überhaupt nicht schwer, dass ich dabei meinen neuen Namen sagen muss. Und wo wir sind, weiß ich, weil ich das Schild an der Bushaltestelle gesehen habe. Wir sind in der Nähe der Bushaltestelle Venuspark. 
Als ich das Handy wieder eingesteckt habe, ist es um mich her wieder sehr still. Und jetzt habe ich nichts zu tun als zu warten. Und prompt fechten mich Gedanken des Zweifels an. Habe ich wirklich alles richtig gemacht? Genügt, was ich getan habe? War es wirklich nur mein Auftrag Magdalena zu retten? Oder hätte ich den Unfall verhindern müssen? Und dann ist die alte Frage auch wieder da, warum Menschen einander so viel Leid zufügen. Und als mir diese Frage durch den Kopf geht, die ich mir in meiner Zeit als Seelenführer schon so oft gestellt habe, beginne ich mit mir selbst zu schimpfen."Stella Engel, du bist ein blutiger Anfänger! Du müsstest doch wirklich langsam begriffen haben, was es mit dem freien Willen der Menschen auf sich hat, und wie Schaden wieder gut gemacht wird." 
Dann höre ich die Martinshörner. Polizei und Notarztwagen kommen gleichzeitig am Unfallort an. Die Sanitäter kümmern sich um Magdalena. Jetzt wird sich gleich zeigen, ob es mir gelungen ist, das Band zwischen Magdalena und mir richtig zu knüpfen. Und als die beiden Männer die Bahre, auf der Magdalena liegt, in den Krankenwagen geschoben haben und los fahren, kann ich dem Geschehen in dem Auto folgen ohne bewusst hinsehen oder hinhören zu müssen. Und ich bin unendlich erleichtert. Und obwohl meine Gedanken und Gefühle Magdalena mühelos begleiten können, kann ich die Fragen der Polizisten beantworten. Als hätte ich nie etwas anderes getan, zücke ich meinen Personalausweis, als mich die junge Polizistin nach meinem Namen fragt. Und auch diesmal kommt mir mein Name ganz leicht über die Lippen. Ich erzähle den beiden Beamten, dass ich einen Spaziergang im Park gemacht habe, als plötzlich das heranfahrende Auto und der Aufprall zu hören waren. Um meine Aussage zu Protokoll zu geben, fahre ich mit den Polizisten zum Revier. Als wir an der Polizeistation ankommen, stelle ich fest, dass Magdalena bereits in den Operationssaal gebracht wird. 
Es dauert nicht lange das Protokoll anzufertigen. Die beiden Beamten, die mich zum Präsidium gebracht haben, bieten mir freundlicherweise an, mich nach Hause zu bringen und ich nehme dankend an. Und so stehe ich um viertel nach elf vor meinem Zuhause im Brunnenweg 12. Ich muss klingeln, denn einen Schlüssel habe ich zu dem Haus, das meiner Mitbewohnerin gehört, noch nicht. Ich klingele, und während ich darauf warte, dass mir Raela öffnet,höre ich eine mir wohlvertraute Stimme. 
"Stella, das war eine gute Arbeit!" 
"Herzlichen Dank, Herr und Meister!" " "Stella, ich heiße Gabriel!" "Herzlichen Dank, Gabriel!" "Na, geht doch!"

11.11.13 09:12, kommentieren

Engelbuch: 03. Wenn Engel reisen

Wenn Engel reisen, gibt es zwei Möglichkeiten. Sie Reisen selbstständig mit der Kraft ihrer Flügel. Oder sie werden entsendet. Bei der Vorbereitung auf unseren Erdeinsatz hat man uns nicht gesagt oder gezeigt, wie es ist in Menschengestalt die Reise zur Erde zu machen. Man hat uns nur gesagt, dass wir drei Schritte durch die goldene Tür machen müssen, und dass wir uns danach um nichts mehr kümmern brauchen. Die drei Schritte durch die goldene Tür, die sich von Gottes Hand geöffnet und geschlossen hat, habe ich getan. Und dann stehe ich ganz einfach da und werde bewegt. 
Ich nehme an, dass sich die meisten Menschen diese, meine Reise zur Erde, wie einen Sinkflug vorstellen, weil der Himmel von der Erde aus oben ist. Aber so ist es nicht. Denn vom Himmel aus bestehen nicht nur bezogen auf die Zeit vollkommen andere Verhältnisse als auf Erden. Denn Gott und der Himmel und alles, was dazu gehört, ist ewig. So wie die Zeit nach himmlischem Maß ewig ist, ist der Raum nach himmlischem Maß unendlich. Also falle ich nicht vom Himmel herab. Und das gilt, obwohl es für einem Menschen, der meine Ankunft sehen würde, wohl so aussehen müsste. Ich stehe einfach aufrecht da, auf einem warmen, weichen Wasser, in das ich aber nicht einsinke. Es ist wie ein Meer, auf dem ich durch Wellengang auf und ab und vorwärts getragen werde. Doch mein Körper wird nicht einfach geradeaus geführt, sondern ich werde in Schlangenlinien getragen. Ich weiß, dass ich mit sehr großer Geschwindigkeit zu meinem neuen Bestimmungsort gebracht werde. Aber die Fahrt, wenn man es so nennen will, fühlt sich geradezu gemächlich an. Im Großen und Ganzen gefällt mir dieser Transport. Diese Art zu reisen ist für mich fast ein ungetrübtes Vergnügen, wenn ich schon nicht selbst fliegen oder Motorrad fahren kann, ist so eine Fahrt auf etwas wasserähnlichem mit angenehmer Temperatur schon in Ordnung. Aber für meinen Geschmack dürfte sich die Fortbewegungsart ruhig um Einiges schneller anfühlen. Natürlich ist mir klar, dass diese Art des Reisens von A bis Z auf Engel wie Dorothea Glück abgestimmt sind. Und die möchten bequem und gemütlich reisen. Dennoch frage ich mich wirklich, wozu gestandene Engel, ob frischgebackene Schutzengel oder nicht, so einen Schongang brauchen. 
Kaum habe ich das gedacht, da schaltet mein Chef für mich den Turbo ein. Und nur, um einen einigermaßen angemessenen Vergleich zu ziehen, das sind gefühlte 150 Kilometer pro Stunde auf dem Motorrad."Vielen herzlichen Dank, mein Herr und Meister!" 
"Stella,ich heiße Gabriel!" 
"Vielen herzlichen Dank, Gabriel!" 
"Na, geht doch! - Aber da nicht für!" 
So macht die Anreise zur Erde erst richtig Spaß! 
Während des gesamten Transports halte ich die Augen geschlossen. Und dennoch sehe ich verschiedene Sterne, roten, goldenen und silbernen Glanz. Und bevor ich meinen Bestimmungsort erreiche, umrunde ich die Erde vollständig. Und dann fühle ich plötzlich Erde unter meinen Füßen, ohne einen Aufprall zu spüren. Ich weiß, dass ich angekommen bin. Noch einen Augenblick halte ich die Augen geschlossen, um mich zu sammeln.

5.11.13 11:42, kommentieren

Engelbuch: 02. Die Entsendung

Die Entsendung Nur wenige Minuten später komme ich in der einzigen Engelhalle des Himmels an. Wahrscheinlich wundert Ihr Menschen Euch darüber, dass wir Engel nur eine Halle haben. Aber diese Halle ist eine Allzweckhalle, die diesen Namen auch verdient. Sie wird je nach Bedarf in Größe und Ausstattung verändert. Die fünfzig Engel im Innendienst, die für Gestaltungsarbeiten zuständig sind, können unsere Halle mit wenigen gekonnten Handgriffen von der großen Flughalle in eine Sporthalle, wie sie auf der Erde üblich ist, umbauen. In dieser Halle habe ich auch Motorradfahren geübt. Zu diesem Zweck war sie zur Stadt umgebaut. Und die anderen haben in ihr Autofahren gelernt. 
Als ich in die Halle komme, ist sie als mittelgroßer Festsaal gestaltet. Es gibt eine Empore und eine Bühne. Im Zuschauerraum sind schon viele Engel versammelt. in der ersten Reihe sitzen elf Engel in Menschengestalt, darunter auch Dorothea Glück. Auch ich nehme in der ersten Reiehe Platz. Als ich meinen Platz eingenommen habe, sehe ich mich sorgfältig um. Ich ahne, dass nur wir zwölf gleich verabschiedet werden. Und ich werde noch unruhiger als bisher, weil ich mich frage, wo die andere Hälfte von uns geblieben ist. Ich stelle fest, dass wir alle zwölf eine weibliche Menschengestalt bekommen haben."Weiß jemand, was mit den anderen aus unserem Seminar geworden ist?" fragt Dorothea. 
"Ja, ich weiß es!" erklärt ein Engel, der ähnlich exklusiv wie Dorothea gekleidet ist. Sie ist auch blond aber kleiner als Dorothea."Die Herren der Schöpfung sind schon verabschiedet worden. Sie wurden alle nacheinander nach Ostfriesland oder Bayern entsendet." 
Nachdem sie das gesagt hat, merkt die niedliche Kleine, dass ich auch da bin. 
"Wie heißt du jetzt, Derila?" 
"Stella Engel! - Und du?" 
"Ich heiße Raphaela Gottlob! - Findest du nicht, dass für dich Stella, der Stern, ein sehr hochgegriffener Name ist?" 
Ich schüttele nicht einmal den Kopf. Und ich antworte natürlich auch nicht. 
Kaum haben sie ihre Menschengestalt scheinen sie ihre Engelhaltung verloren zu haben und werden schwatzhafter denn je. Die Aufgeregtheit ihres Geschwätzes greift auf mich über. Aber ich bleibe äußerlich vollkommen ruhig. Ich höre, dass sie reden. Aber ich höre nicht dabei zu, was sie sagen.Plötzlich knufft mich Dorothea in die Seite: 
"Sag' mal, Derila, äh, Stella, bist du nicht wenigstens auch ein bisschen aufgeregt, oder hast du was von diesem Menschenzeug genommen?" 
"Ja, ich bin auch aufgeregt. Und nein, ich habe keine Beruhigungsmittel genommen!" Dann geht die Tür neben der Bühne auf. Ein Trompetensignal kündigt das Kommen der Musiker und Sänger an. Der Engel mit der Trompete ist der Dirigent. Er schwebt vor den Harfenisten und Sängern in den Saal. Die Sänger und Harfenspieler nehmen auf der Empore Aufstellung. Mir fällt auf, dass es auch im Musikkorps einen Führungswechsel gegeben hat. Der Dirigent ist ein freundlicher, großer Engel, der leicht und beschwingt seine Musiker und Sänger anführt. Dieser Engel ist so freundlich und so beschwingt, dass selbst ich fast glauben kann, dass Musik eine schöne, dankbare und einfache Engelaufgabe ist. Und diesem angenehmen Anblick zum Trotz steigen in mir augenblicklich unangenehme Erinnerungen auf. Wenn ich eine oder mehrere Harfen sehe, wird mir immer mulmig. Die vielen Saiten der Instrumente sind mir alles andere als geheuer. Ich bin eben doch ein Grobmotoriker vor dem Herrn. Und ich bin froh, dass Gott sei Dank noch niemand auf die Idee gekommen ist, mir eine Harfe in die Hände zu geben. Allerdings wurde ich irgendwann von meinem ehemaligen Vorgesetzten, der hoffte, mich loswerden zu können, zu einer Gesangsprobe geschickt. 
"Jeder Engel muss einmal das Singen ausprobieren." 
Also ging ich zu einem öffentlichen Vorsingen, bei dem ungefähr 25 Engel Testgesänge anstimmen sollten. Ich war die Erste, auf die der Dirigent zeigte. Also ging ich auf die Bühne und sang. Zunächst kam es mir so vor, als sei der Dirigent viel freundlicher als mein Vorgesetzter. Er ließ mich lange vorsingen und schien geduldig zuzuhören. Nach meinem Vortrag hüllte er den Saal auf einen Schlag in vollkommene Dunkelheit. Dann richtete er plötzlich ein gleißendes, gelbes Licht auf mich. Dieses Licht strahlte reine Verachtung aus. Und alle Anwesenden konnten mich überdeutlich sehen."Das ist das absolut abschreckendste Beispiel für Engelgesang, dass ich je ertragen musste. Textsicherheit und die Beherrschung der Melodie macht noch keinen Engelgesang. Das ist nur ein abscheuliches, melodiöses Grollen. Da wird auch nicht mehr draus! Aber, wenn man ein Donnerrollen erzeugen will, muss man keinen Engelchor engagieren. Engelgesang hat gefälligst immer und überall lieblich zu klingen. - Also augenblicklich abtreten!" 
Während ich geduckt davon schwebte, schickte mir der Dirigent eine ganze Zeit lang hönisches Licht in einem anderen Gelbton hinterher. Niemand, der dabei war, wird diese effektvolle Demütigung jemals vergessen. Nachdem die Sänger und Harfenisten auf der Empore Aufstellung genommen haben, beginnen sie sofort zu singen und zu spielen. Und ich gebe gern zu, dass mir diese Musik sehr gut gefällt, obwohl ich während des Vorbereitungsseminars meine Liebe zur menschlichen Rockmusik entdeckt habe. Ich freue mich von Herzen an den himmlischen Klängen. Und sie geben mir meine innere Gelassenheit wieder. Noch während das Musikkorps spielt, öffnet sich die Saaltür neben der aufgestellten Bühne abermals, und die zwölf Erzengel kommen herein. Sie schweben auf die Bühne. Und die Erzengel stimmen in den Gesang des Chores ein. Nachdem das Lied verklungen ist, lässt der Erzengel Michael eine kurze Pause zu. Dann tritt er feierlich vor und beginnt zu sprechen. Auch seine Stimme klingt sehr freundlich. Sie ist nicht ganz so tief wie die Stimme von Gabriel, und sie klingt noch etwas klarer."Sehr geehrte Kollegen, ich heiße Euch im Namen aller zwölf Erzengel herzlich willkommen! Wir sind heute zusammengekommen, um die zweite Schutzengelstaffel des Jahres 2012 zu verabschieden, bevor wir sie auf die Erde entsenden." 
Als er das gesagt hat, fällt mir wieder einmal angenehm auf, das Worte wie entsenden, wenn sie von einem der Erzengel ausgesprochen werden, niemals überheblich, schwülstig, altbacken oder geziert klingen. Das ist oft ganz anders, wenn dominante Bosse wie mein früherer Vorgesetzter oder moderne Menschen, die sich für wichtig halten, solche Dinge sagen. Ein Grund dafür ist wohl, dass Erzengel, obwohl sie wie alle anderen Engel übernatürliche Wesen sind, die aber natürliche Autorität, Güte und Freundlichkeit ausstrahlen. Man kann ein Schutzengel werden und viele Fähigkeiten entwickeln. Man kann auch ein Wächter- oder Innendienstengel werden und viele Fähigkeiten entfalten. Aber Erzengel kann man nicht werden. Erzengel ist man. Erzengel Michael drückt in seiner Rede die Freude und den Stolz Gottes und der Erzengel darüber aus, dass auch in diesem Jahr 24 hervorragende Schutzengel an dem Vorbereitungsseminar erfolgreich teilgenommen. haben Und lobend erwähnt er, dass jeder der Engel, die am Seminar teilgenommen haben, sich zu einer außergewöhnlichen Schutzengelpersönlichkeit in Menschengestalt entwickelt hat. Kaum hat er das gesagt, sehen meine elf Gefährtinnen mich mit unterdrücktem Argwohn an. Und mir reicht es allmählich. Ich bin doch nur so, wie ich bin. Ich habe nichts Unrechtes getan. Und womit sollte ausgerechnet ich mir das Wohlwollen Gottes oder der Erzengel erschlichen haben? Danach erfahren wir, dass die erste Staffel der neuen Schutzengel bereits erfolgreich entsendet wurden und in Ostfriesland sind. Als meine Gefährtinnen das hören, beginnen sie aufgeregt zu tuscheln."Und wir kommen auch alle in eine Region. Man sieht sich also!" sagt Dorothea zu mir. 
Ich frage mich, warum sie ausgerechnet mich wieder sehen will. Wahrscheinlich wartet sie nur darauf zu erfahren, dass und wie ich versage."Und nun wird jeder neue Schutzengel von einem Erzengel zu sich gerufen. Und wenn alle zwölf auf der Bühne sind, werdet ihr nacheinander entsendet." 
Dorothea knufft mich in die Seite: 
"Und du bist bestimmt wieder die Letzte!" 
Ich reagiere nicht. Nach einer kurzen Pause ruft Michael Dorothea zu sich. Danach werden auch alle anderen von einem Erzengel aufgerufen. Immer, wenn einer der neuen Schutzengel auf die Bühne schreitet, spielen und singen die Musiker ein Kurie. Damit erbitten die Engel für die Schutzengel und für die, die sie zukünftig beschützen werden, Gottes Erbarmen. Als Letzte werde ich von Gabriel auf die Bühne gerufen. Als schließlich alle Erzengel und die neuen Schutzengel auf der Bühne versammelt sind, beginnen die Harfenisten eine Melodie zu spielen, zu der es keinen Text für den Engelchor gibt. Die Tür, durch die die Musiker und die Erzengel in den Saal gekommen sind, färbt sich golden. Erzengel Michael sagt noch einmal Dorotheas Namen. Sie schließt die Augen und Michael begleitet sie als ihr Führer zur Tür. An der Tür angekommen, zeichnet Michael sein Siegel auf Dorotheas Stirn, berührt sie noch einmal und dann geht die Tür von selbst auf, und sie tritt immer noch mit geschlossenen Augen, wie man es uns gesagt hat, durch die Tür, die sich hinter ihr wieder von selbst schließt. Was sie uns nicht gesagt haben, ist, dass während der gesamten Zeremonie die zauberhafte Melodie, die wohl eigens zu diesem Anlass komponiert wurde, ertönt. Danach werden nacheinander alle meine Gefährtinnen von ihrem Engelführer verabschiedet. Und auch dieses Mal bin ich wieder die Letzte, was mich wie immer keineswegs stört. "Stella Engel!" sagt Gabriel schließlich zu mir. Und es kommt mir so vor, als ob seine Stimme noch freundlicher und tiefer klingt als sonst. Ich schließe meine Augen. und es wird vollkommen dunkel um mich her und in mir. Aber, obwohl ich das noch nie erlebt habe, beunruhigt es mich nicht. ich lasse mich von Gabriel zu der goldenen Tür führen. Und es ist so, als ob mich auch der wunderbare Klang der Harfen führt und trägt. Mir fließt eine neue Kraft durch Gabriels Hand und die Klänge zu. An der Tür angelangt, bleiben wir, mein Engelführer Gabriel und ich einen Augenblick stehen. Dann zeichnet mir Gabriel sein Siegel, das mir Schutz und Kraft geben wird, auf die Stirn."Gottes Segen für dich und alle, die du beschützen wirst!" sagt Gabriel leise und berührt mich an der Brust, da wo mein Menschenherz schlägt, und ich gehe mit geschlossenen Augen geradewegs durch die Tür.

28.10.13 10:24, kommentieren

Stella Engelroman: 01. Das Personalgespräch

Bereits in Menschengestalt warte ich geduldig vor Gabriels Arbeitszimmer. Noch bin ich überhaupt nicht aufgeregt, obwohl ich natürlich weiß, dass mir jetzt die offizielle Verabschiedung und die Erteilung meines ersten Auftrags bevorsteht. Als Mensch bin ich weiblich, rothaarig, habe grüne katzenartige Augen, einige wenige Sommersprossen, bin 1,80 m groß, bin schlank und bin ungefähr 20 Jahre alt. Im Großen und Ganzen bin ich mit meiner menschlichen Gestalt sehr zufrieden. Und auf den heiligen Schein kann ich gut und gern verzichten. Was ich allerdings jetzt schon schmerzlich vermisse, sind meine Flügel. Das ist der einzige Makel, den es hat, wenn man als Schutzengel anfängt. Man bekommt alle Möglichkeiten, die zu einem Schutzengel gehören, aber man verliert zunächst die Flugerlaubnis und die Fähigkeit sich selbstständig zu beflügeln. 
Mit einem Mal geht die Tür von Gabriels Arbeitszimmer auf und gleich wieder zu. Das bedeutet, dass ich noch ein bisschen warten muss. Das stört mich nicht. Was mich aber stört, ist, dass ich plötzlich bemerke, dass mich jemand skeptisch anstarrt. Ich sehe mich um und sehe in das Gesicht eines anderen Engels in Menschengestalt. Sie ist blond und etwa in meinem Alter. Sie hat blaue Augen, ist 1,70 m groß, und sie trägt sehr exklusive Menschenkleidung. Ich erkenne sie nicht. Aber sie war bestimmt in meinem Kurs zur Vorbereitung für Schutzengel. In der Vorbereitungsphase auf unsere Umwandlung zu Menschen und für den Erdeinsatz waren wir 24 Engel. Aber wir haben einander nie in Menschengestalt gesehen, obwohl es in diesem Unterricht auch darum geht, ein menschliches Profil zu entwickeln. Damit wir unter den Menschen nicht auffallen, dürfen wir in unserer Vorbereitungszeit alles ausprobieren, was Menschen tun. Wir dürfen wirklich alles testen, aber wir sehen einander erst bei der offiziellen Verabschiedung in unserer Menschengestalt. Darum erkenne ich mein Gegenüber erst, als sie mich anspricht: Dass sie mich erkennt, liegt sicherlich daran, dass ich schon so verrückt aussehe, wie ich eben bin. 
"Übrigens, Derila, du bist die Letzte!" sagt sie mit einem schadenfrohen Ton in der Stimme. 
Sie haben mir den Spitznamen Derila, die Verrückte oder Spinnerin, verpasst, weil das menschliche Profil, das ich entwickelt habe, sehr widersprüchlich und chaotisch ist. Ich fahre Motorrad, habe den schwarzen Gürtel in Karate, mache aber auch Qi Gong und Schattenboxen, Stricke gut und leidenschaftlich gern, liebe Rockmusik und starke Frauenstimmen wie Giana Nanini und Tina Turner, skate, knüpfe und koche gern. Und ich mag scharfe Sachen aus aller Herren Länder. Dass ich gern lese und schreibe versteht sich wohl von selbst." Macht doch gar nichts, dass ich die Letzte bin. Es heißt ja, die Letzten werden die Ersten sein." 
Ich merke durchaus, dass sich mein Gegenüber über meine Gelassenheit ärgert. Aber sie geht nicht einfach weg, sondern sie redet weiter. 
"Ich bin wirklich gespannt, was sie dir aufbrummen." 
Das möchte ich auch gern wissen, aber ich habe immer noch keine Angst, dass mir ein Auftrag erteilt wird, der nicht zu mir passt." Du wirst nicht glauben, wie ich jetzt heiße, und was mein erster Auftrag ist." Mir fällt auf, dass sie furchtbar nörgelt." Ich heiße ab jetzt Dorothea Glück. Und ich komme als Kindermädchen in einen sehr wohlhabenden Haushalt mit drei Kindern. Die Mutter wird sterben und zumindest zwei von den Kindern sind sehr verwöhnt. - Gleich am Anfang mehrere Kinder!"" Sie schluckt. Um sie zu trösten, sage ich: 
" Du hast Zeit alles in Ordnung zu bringen, z. B., weil die Frau nicht gleich sterben wird. Und im Grunde passt dieser Auftrag sehr gut zu dir und deinem exklusiven Geschmack." 
ich weiß nicht, was es ist. Vielleicht will sie nicht getröstet werden und hat Lust zum Jammern. Jedenfalls wendet sie sich ab und murmelt: 
" Man sieht sich bei der offiziellen Verabschiedung!" 
Dann stolziert sie davon. 
 Einen Augenblick später öffnet sich die Tür zu Gabriels Arbeitszimmer wieder, und ich darf eintreten. 
"Sei herzlich gegrüßt, Herr und Meister!" sage ich, als ich eintrete und mache einen Knicks. " Sei auch ganz herzlich gegrüßt, Stella Engel. Ich heiße Gabriel und nicht Herr und Meister!" erwidert Gabriel mit seiner tiefen, freundlichen Stimme. 
"Sei herzlich gegrüßt, Gabriel!" 
"Na, geht doch!" 
Ich frage mich, ob ich jemals wirklich begreifen werde, dass eine gesunde Hierarchie keine Förmlichkeiten braucht. In dieser Hinsicht habe ich wohl einen richtigen Schaden genommen durch meinen ersten Vorgesetzten. Seinen Namen habe ich nie erfahren, Weiler von Anfang an auf der Anrede "Herr und Meister" bestand. Bevor ich zum Schutzengel ausgebildet wurde, war ich ein Seelenbegleiter. Meine Aufgabe war es die Seelen Verstorbener auf dem Weg zu Gott zu begleiten. Das ist auch eine wichtige und schöne Aufgabe. Und ich habe sie getan seit es Menschen auf der Erde gibt. Eine Seele wird immer von zwei Engeln bei diesem Weg begleitet. s ist wichtig, dass jede Seele diesen Weg in die Ewigkeit geht, diesen Weg selbst zurücklegt aber dabei an jeder Seite von einem Engel geschützt wird. Es heißt nicht umsonst, dass die Seele zu Fuß geht. Und für die Ewigkeit, in die die Seele eingeht, ist zu Fuß gehen genau die geeignete Geschwindigkeit. Und weil es viele geschundene Seelen gibt, sind zwei Engel zum Trost und als Helfer dabei. Ich habe in meiner Zeit als Seelenführer sehr viele Seelen begleitet, denen es nicht vergönnt war, sich in Ruhe und Frieden von ihrem irdischen Sein verabschieden zu können. s war eine dankbare Aufgabe. Aber jedes Wesen braucht auch einmal eine andere Arbeit. Und mein Vorgesetzter war das, was man auf Erden wohl einen Stinkstiefel nennt. Er soll übrigens degradiert und versetzt worden sein. Und ich bin wirklich erleichtert, dass Gabriel Geduld mit mir hat. Gabriel gibt mir ein Mäppchen. Es enthält zwei Dokumente. Das eine ist mein Personalausweis, ausgestellt auf Stella Engel, geboren am 05.01.1991 in Bochum. Und ich bin begeistert wie gut das Lichtbild getroffen ist. Meine Begeisterung steigt fast ins Unermessliche, als ich das zweite Dokument sehe. Es handelt sich um einen brandneuen Motorradführerschein. Er ist selbstverständlich auch auf Stella Engel ausgestellt und trägt als Ausstellungsdatum den 26. April 2012. Während ich meine neuen Papiere betrachte, beobachtet mich Gabriel wohlwollend aber ohne jede Spur von Herablassung. Das kenne ich bisher überhaupt nicht. Ich stecke das Mäppchen in die große Brusttasche der schwarzen Lederjacke, die ich trage." Stella, einen so sprachbegabten Engel haben wir bislang noch nie im Schutzengelseminar gehabt. Du hast so schnell wie niemand zuvor alle Tier- und Menschensprachen gelernt." 
"Dafür hattet ihr aber auch noch niemanden im Schutzengelseminar, der ein derart chaotisches Profil entwickelt hat!" 
Dass Gabriel meinen Gedanken folgen kann, weiß ich. Aber ich wundere mich, dass er überhaupt reagiert und in herzlichem Ton sagt: 
"Öfter was Neues. Und Vielfalt hat noch nie geschadet und macht Freude!" 
Damit ich mich leicht daran gewöhne, hat Gabriel bisher nach Menschenart mit mir gesprochen. Damit ich aber an Leib und Geist erfahre, dass ich selbstverständlich immer noch ein Engel bin, zeigt er mir die Einzelheiten meines Schutzauftrags in der Art, wie wir Engel kommunizieren. Unsere Verständigung ist eine blitzschnelle Gedankenübertragung. Und auf diese Weise zeigt mir Gabriel im Bruchteil einer Sekunde, wen ich zu beschützen habe, und was sie erlebt hat. Es ist nicht wie in einem Film, in dem man nur hört und sieht, was geschieht. Ich sehe und höre nicht nur, was Magdalena Zindler, die ich beschützen und deren Leben ich neu ordnen soll, erlebt hat. Ich fühle auch, wie sie den Unfall erlebt und überlebt hat, den sie vor 40 Jahren hatte, und der sie ihr Augenlicht gekostet hat. Ich schmecke die die Medizin, die sie für ihren Magen bekommen hat, um ihn von den Nebenwirkungen der anderen Medikamente zu heilen. Ich nehme daran teil, wie sie Punktschrift lernt. Und ich spüre, wie sie den Kontakt zu ihren Mitmenschen, den Tieren und den Dingen ihrer Umgebung erlebt hat. Gabriel zeigt mir natürlich auch einen Teil dessen, was in der nächsten Zeit geschehen wird. Aber davon berichte ich später, wenn es an der Menschenzeit dafür ist. Magdalena ist 45 Jahre alt, so groß wie ich, hat schwarzes Haar und blaue Augen. Sie arbeitet als Übersetzerin für deutsch, russisch, spanisch und englisch. Sie ist ledig und hat keine Kinder. Sie ist Russlanddeutsche und lebte in den ersten fünf Jahren bei ihrer Mutter, die bei dem Unfall, durch den sie erblindete, starb. Danach nahm ihre Tante Olesja sie bei sich auf. Sie lebt inzwischen zusammen mit ihrer Freundin Lea Hafenmeister in einem kleinen Haus, das sie von Olesja geerbt hat. 
Nachdem ich alles, was ich über Magdalena wissen muss, erfahren habe, zeigt mir Gabriel meine eigenen Lebensumstände auf Erden. Ich werde in einer Wohngemeinschaft mit einem anderen Engel in Menschengestalt leben. Sie heißt Raela Liebmann ist als Mensch fünf Jahre älter als ich und arbeitet als Krankenschwester. So weit so gut. Aber ich wundere mich doch sehr darüber, dass ich meine Brötchen als Mensch bei einem Esoterikportal verdienen soll. Nachdem mir Gabriel alles Wesentliche gezeigt hat, lässt er eine Pause entstehen, damit ich mich sammeln kann. Dann fragt er mich: 
"Hast du noch Fragen, Stella?" 
"Ja, ich habe eine Frage, Herr und Meister!" 
"Stella, ich heiße Gabriel!" erwidert mein neuer Vorgesetzter freundlich. 
"Ja, ich habe eine Frage,Gabriel!" "Na, geht doch!" 
Der Erzengel sieht mich an und nickt mir zu. Und dabei leuchten seine Augen und sein Heiligenschein besonders freundlich. 
"Warum soll ich ausgerechnet in einem dieser Esoterikportale arbeiten?" 
"Dafür gibt es verschiedene Gründe. Durch diese Arbeit kommst du direkt in Magdalenas Umfeld. Denn dieser Bendix Krämer, der das Portal leitet, ist, wie du gesehen hast, ein Bekannter von Magdalena. Dazu kommt, dass entschieden wurde, diese Szene vom Himmel aus freundlich aber bestimmt ein wenig aufzumischen. Ich bin mir sicher, dass dir der eine oder andere Streich für diese Leute einfallen wird." 
Und dann sehe ich etwas, was ich noch nie gesehen habe, und was man auch als Engel sicherlich äußerst selten zu Gesicht bekommt. Auf Gabriels Antlitz zeigt sich ein verschmitztes Lächeln. Obwohl der Schalk in diesem Lächeln deutlich aufleuchtet, sind in diesem Ausdruck keine Spuren von Bosheit oder Schadenfreude zu erkennen. Nur ein kleiner triumphierender Funke und eine Art verspielter Freude leuchtet in seinen Augen auf.Schließlich fragt Gabriel: "Möchtest du sonst noch etwas wissen, Stella?" 
Ich schüttele den Kopf."Dann ist es gut! Und denk' immer daran, dass du dich jeder Zeit und von überall mit deiner Gedankenkraft an mich wenden kannst." 
Ich nicke dem Führer der Cherubim und Seraphinen dankbar zu. Und er lächelt mich zum Abschied ebenfalls sehr herzlich an. 
Nachdem ich Gabriels Arbeitszimmer verlassen habe, gehe ich zur großen Halle, in der wir verabschiedet und nacheinander zu unseren Erdeinsätzen entsendet werden. Und jetzt wird mir langsam doch mulmig ums Herz.

21.10.13 14:08, kommentieren