Kurzgeschichten

Ich höre deine Stimme

'nabend zusammen, es ist keine Kurzgeschichte. Aber der Text ist kurz und bündig. Ich wünsche Euch viel Freude damit! Liebe Grüße Christiane (Paula Grimm) Ich höre deine Stimme oder lange Freundschaft schützt vor Liebe nicht Das Telefon klingelt am Samstagnachmittag. Ich nehme den Anruf entgegen und sage einfach nur meinen Nachnamen. Ich höre deine Stimme, die ich seit etwas mehr als einem halben Jahr nicht habe hören dürfen. Ich höre deine Stimme nach dieser längeren Zeit, und es ist nicht so, als hörte ich sie zum ersten Mal. Ich höre deine Stimme und erkenne sie sofort. Ich höre deine Stimme, und sie ist mir so lange vertraut, dass ich die Jahre nicht mehr an den Fingern meiner linken Hand, die von Herzen kommt, abzählen kann. Ich höre deine Stimme, und sie ist mir so vertraut, dass ich mich von der ersten Silbe deiner Worte an ihr anvertrauen kann. Ich höre deine Stimme und kann und will nicht anders als sie mir zu Herzen gehen zu lassen. Ich höre deine Stimme und finde endlich wieder einmal ein für mich neues Wort. Ich höre deine Stimme und weiß nach mehr als vier Jahrzehnten endlich, was mit dem Wort Herzensmann gemeint ist. Ich höre deine Stimme, die tief, warm und aufgeraut genug ist, dass ihr kein falsches Wort so einfach "'rausrutscht". Ich höre deine Stimme und fühle und weiß, dass jedes einzelne Wort und sogar jede einzelne Silbe mir gilt. Ich höre deine Stimme und höre jedes Wort so gern, dass ich selbst kaum etwas sage. Ich höre deine Stimme, die von dir erzählt und sich dabei voll und ganz für mich Zeit nimmt. Ich höre deine Stimme, die mich nicht herausfordert, selbst viel zu sagen. Ich höre deine Stimme, die sich nicht darüber beklagt, dass ich wenig sage. Ich höre deine Stimme und bin auch dankbar dafür, dass du darauf verzichtest sie für Vorwürfe darüber zu benutzen, dass ich in der letzten Zeit vollkommen zurückgezogen war. Ich höre deine Stimme und bin auch dankbar dafür, dass du mit ihr die Zeit, in der wir einander nicht hatten, so mühelos wie herzlich überbrückst. Ich höre deine Stimme und habe sofort ein neues Ohr. Ich höre deine Stimme und habe endlich ein offenes Ohr für dich. Ich höre deine Stimme und habe ein neues Herz. Ich höre deine Stimme und habe endlich sofort ein offenes Herz für dich. Ich höre deine Stimme, mit der du zeigst, wie sehr du dich über mein neues, offenes Ohr und mein neues, offenes Herz freust. Ich höre deine Stimme und bekomme zu hören und zu fühlen, wie sehr du dich bei unserem Gespräch entspannst und stärkst. Ich höre deine Stimme, wie sie sich schließlich schweren Herzens von mir verabschieden muss. Und dann höre ich deine Stimme nicht mehr. Das Telefon bleibt still. Und ich höre in der Stille eine Stimme. Ich höre eine Stimme, die mit dem Klang desjenigen Menschen fragt, der meiner unbedingt habhaft werden will, was ich nun wirklich anfangen kann mit meinem neuen, offenen Ohr, meinem neuen, offenen Herzen, mit dir, mir und uns. © Paula Grimm, Februar 2012

1.11.13 19:16, kommentieren

Hildes Todesfall

Hildes Todesfall "Die Hilde ist plötzlich aufgestanden und auf eine junge Frau zugegangen. Die stand mit Freunden ziemlich nah bei den U-Bahngleisen. Die jungen Leute stritten darum, was sie mit dem Freitagabend anfangen sollten. Die Hilde hat die junge Frau gegrüßt. Jedenfalls nehme ich das an. Verstehen konnte ich nichts. Sie machten gerade wieder eine Durchsage. Doch, die Hilde hat sie gegrüßt, schüchtern, wie wir das machen, wenn wir Leute treffen, die wir von früher kennen. Die junge Frau hat auch etwas gesagt. Und eine Bewegung mit dem Arm hat sie gemacht. Die Hilde wankte, fiel ins Nichts, während die Linie 12 einfuhr. Und plötzlich fielen die Geräusche ineinander, wurde zu einem mächtigen Geräusch. Da macht man die Augen zu oder guckt weg, weil das Geräusch mit einem Mal so mächtig, übermächtig, ist, dass man erst mal genug hat."" "Fiel ins Nichts, so ein Quatsch! Halt dein versoffenes Maul Alte!" Inge antwortete nicht auf die Beschimpfung des jungen Mannes. Er war wie die anderen jungen Leute instinktiv zurückgewichen und stand jetzt unmittelbar neben Inge, die immer noch auf der Bank saß, auf der sie bis vor wenigen Sekunden, bis vor einer halben Ewigkeit, mit Hilde gesessen hatte. Sie sah nicht zu den Gleisen hinüber. Sie wusste, dass es dort nichts zu sehen gab, was sie verstehen konnte. Sie betrachtete die jungen Leute. Der junge Mann, der sie beschimpft hatte, war seiner Haltung nach der unumstrittene Anführer. "Also hat der bloß eine dicke Lippe riskiert, weil die Anderen es von ihm erwartet haben, vorsichtshalber sozusagen!" dachte Inge. Es war das typische Cliquenverhalten. Aber waren sie nicht alle doch schon ein bisschen zu alt für eine typische Clique? Hilde wusste aber, dass man sich immer so leicht verschätzte, weil die Meisten immer anders wirken und sein wollten,als sie waren. Alle waren sorgfältig zurecht gemacht. Inge konnte sich nicht daran erinnern, jemals so aufgetakelt gewesen zu sein, obwohl sie auch bessere Zeiten erlebt hatte als diese, wesentlich bessere Zeiten. Dieser junge Mann und seine Freunde mussten nicht wissen, warum Inge mit sich selbst geredet hatte. Sie wollte doch nur begreifen, was passiert war, und was vorging. Für den Anfang musste dazu wohl eine einfache logische Kette genügen. "Fremde Leute beschimpfen, aber die ganze Zeit nur auf die Armbanduhr starren. - Dich meinen und dich doch nicht meinen, so ein feiger Hund!" Leute von der Feuerwehr, dem technischen Hilfswerk und der Polizei trafen ein. "Guten Abend! Die Station muss geräumt werden, wenn Sie bitte so freundlich wären, uns nach oben zu begleiten, damit wir Ihre Personalien aufnehmen können,und Sie uns freundlicherweise erklären können, was Sie gesehen haben!", sagte eine junge Polizeibeamtin zu ihnen. Und Inge rappelte sich auf. Gerade das Aufstehen war für Inge seit einiger Zeit doch sehr beschwerlich. Aber einmal in Gang gekommen, wurde es zumindest etwas leichter. "Warum sollen wir mitkommen? Wir haben mit dieser, äh, Sache nichts zu tun!" beschwerte sich der Anführer stellvertretend für alle Cliquenmitglieder. Die Baltin würdigte er zwar eines Blickes, war aber ansonsten nicht freundlicher als zu Inge. "Wir wollen nur Ihre Zeugenaussagen aufnehmen!" erklärte die Beamtin ruhig. Und die jungen Leute folgten den Beamten, wenn auch widerwillig zur Rolltreppe, die ins Zwischengeschoss der U-Bahnstation fuhr. Inge bildete das Schlusslicht. Als sich Inge auf die Rolltreppe stellte, musste sie an etwas denken, dass Hilde gesagt hatte: "Es ist ganz egal, wann man mit der Rolltreppe fährt, die Luft, die von der Klimaanlage hier 'runtergeschubst wird, beißt immer. Ob sie warm oder kalt, feucht oder trocken ist, sie beißt, weil sie einfach nicht nach unten will." Und sie waren die Letzten, die ihr das verübelten, obwohl oder gerade, weil sie selbst, sich die meiste Zeit, fast freiwillig, unten aufhielten. In das Mittelgeschoss trauten sie sich häufiger. Denn dort gab es mehrere Imbissbuden und Bäckereien. Manchmal war Hilde aber auch allein auf Beutezug gegangen. Denn sie hatte ein sehr gutes Auge für Leute, die etwas übrig ließen. Und sie konnte unauffällig und geduldig wie eine Katze, die auf Beute lauert, warten, bis etwas für sie abfiel.Nach oben, auf den Markt, gingen sie nur, wenn sie unten vertrieben wurden, was inzwischen nicht mehr ganz so häufig vorkam, wie noch vor ein paar Monaten. Oben hatten andere ihr Revier. Und deshalb ging Inge auch an diesem Abend nur zögernd auf die Rolltreppe, die ganz nach oben führte. - Ganz nach oben? Auf dem Markt angekommen, führten die Beamten die Gruppe zu einem Polizeiwagen. Inge blieb etwas abseits stehen und wartete darauf, von de Polizisten irgendwann befragt zu werden. Sie stand im Licht einer Straßenlaterne. Die Lampe spendete ein orangefarbenes Licht. Es regnete. Inge war froh darüber, nicht unter einer Laterne mit weißgrünlichem Licht zu stehen. In diesem Licht hätte sie wie eine Wasserleiche ausgesehen. Inge erinnerte sich plötzlich daran, wie es gewesen war, als sie noch eine eigene Wohnung in einem Mietshaus gehabt hatte, und wie es ausgesehen hatte, aus einem höheren Stockwerk bei Regenwetter auf diese orangefarbenen Lampen zu sehen. Vo da oben hatte es ausgesehen, als wäre es kein Regen,sondern fließendes Gold, was sich auf die Straße ergoss. "So weit nach oben, dass ich das noch mal sehen kann,komme ich wohl nicht mehr. Und so allein,ohne die Hilde, bin ich inzwischen auch ein zu großer Angsthase, um so weit oben und so normal zu sein. Aber war die Hilde überhaupt jemals so weit oben gewesen, um nachts von oben auf die Orangefarbenen Laternen und den Regen gucken zu können?" Wahrscheinlich hatte Hilde diesen Anblick nicht gekannt. Denn Hilde kam ursprünglich aus dem Umland der Großstadt, wo alles kleiner und weniger glanzvoll gewesen war. Diese eher ländliche Umgebung hatte Hilde gefallen. Sie hatte häufiger davon gesprochen, von den Gärten z. B. Aber von der Familie, die sie gehabt hatte, und die zerbrochen war, hatte sie dagegen kaum etwas erzählt. Hilde hatte einen Mann gehabt und zwei Kinder. Die Kinder waren inzwischen erwachsen. Die beiden hießen Niels und Nina und kamen, wie Hilde gemeint hatte, Gott sei Dank auf ihren Vater. "Hilde, erinnerst du dich noch an das Gespräch von von den beiden jungen Frauen, die auf die Vier warteten und sich gefragt haben,warum man so oft nicht zu anderen Menschen durchkommt, warum man so oft nicht verstanden wird. Und wie die Eine zu der Anderen sagte dass jeder Mensch eben eine eigene, ganz andere Welt ist. Und dann kam ihre Bahn und du hast gesagt: "Wenn das stimmt, dann ist jeder hier unten eine eigene, ganz andere Unterwelt." Und recht hast du gehabt. Und weil das stimmt, musstest du weder mir, noch sonst jemandem alles von deiner puckligen Verwandtschaft erzählen." Es dauerte seine Zeit, bis die Beamten, die sich von der Ungeduld der jungen Leute nicht aus der Ruhe bringen ließen,die Personalien und Zeugenaussagen aufgenommen hatten. Die jungen Leute bekamen Termine, zu denen sie sich auf dem Präsidium melden sollten. Und als das vorbei war, standen sie plötzlich alle da, scharrten mit den Füßen, sahen sich in der Gegend um blickten auf ihre Uhren, beschäftigten sich mit dem Inhalt ihrer Taschen oder mit ihrer Aufmachung und konnten auf die Schnelle, an die sie normalerweise gut gewöhnt waren, ihre Unternehmungslust nicht wieder finden. Die junge Beamtin kam mit ihrem Kollegen auf Inge zu. Und Inge kam das Gesicht der jungen Frau immer bekannter vor. Schließlich mussten sich die Beamten im Bereich der U-Bahnstation gut auskennen, denn hier gab es für sie häufiger etwas zu tun. So kannten sie auch Hilde und Inge, zumindest den Namen nach, und deshalb war Inge keineswegs verwundert, dass die Beamtin zu ihr sagte: "Guten Abend, Inge!" "Guten Abend! Wissen sie vielleicht, ob die Hilde noch lebt?" "Die Leute vom technischen Hilfswerk und der Feuerwehr sind noch da unten beschäftigt, aber sie wissen schon, dass die Hilde tot ist. Du hast sie doch gut gekannt, die Hilde!" "Lieber Gott mach', dass die Hilde jetzt so weit unten ist, dass sie nicht noch weiter nach unten fallen muss. Und sei ihrer Seele gnädig!" Später konnte Inge beim besten Willen nicht mehr sagen, ob sie das Gebet vor sich hingesprochen hatte oder nicht.Aber jedenfalls kam sie damit dazu, sich so weit zu sammeln, um mit der Beamtin weiter sprechen zu können. "Ja, wir waren seit einem Jahr befreundet. und so lange kannte ich sie auch, na, jedenfalls so ungefähr. Ich weiß aber nicht, wie die Hilde weiter hieß. Bei uns verliert man den Nachnamen zuerst. Ich weiß nur, weil sie das irgendwann gesagt, dass sie nicht so hieß wie der Mann, den sie mal gehabt hat." "Und was ist eben passiert?" "Die Hilde ist plötzlich aufgestanden und auf eine junge Frau zugegangen. Die stand mit Freunden ziemlich nah bei den U-Bahngleisen. Die jungen Leute stritten darum, was sie mit diesem Freitagabend anfangen sollten. Die Hilde hat die junge Frau gegrüßt. Jedenfalls nehme ich das an. Verstehen konnte ich nichts. Sie machten gerade wieder eine Durchsage. Doch die Hilde hat sie gegrüßt, schüchtern, wie wir das machen, wenn wir Leute treffen, die wir von früher kennen. Die junge Frau hat auch etwas gesagt. Und eine Bewegung mit dem Arm hat sie gemacht. Die Hilde wankte, fiel ins Nichts, während die Linie 12 einfuhr." "Hat die junge Frau sei gestoßen? Ist sie verantwortlich für den Sturz?" Die Fragen waren naheliegend und berechtigt. Das spürte Inge sofort. Aber das half nicht bei der Beantwortung der fragen. Schließlich fand Inge in ihrem Wortschatz Begriffe für Antworten,Die zumindest einigermaßen taugten. "Ein Gericht wird in dieser Sache nicht finden können, um herauszufinden, wer oder was Schuld ist, nehme ich an. Aber Schuld gibt es wohl schon, alte Schuld, Ungerechtigkeit, die neu geworden ist, durch die Verleumdung und die Abweisung, die Hilde erfahren hat. Die beiden hätten auch viel weiter voneinander weg stehen können. Verleumdung und Abweisung machten den Arm lang genug für eine Berührung, die die Hilde einfach ins Wanken bringen musste, zu Fall bringen musste. Die Hilde war überhaupt nicht unberührbar, im Gegenteil." Inge behielt diese Worte genau im Gedächtnis und wunderte sich später darüber, so etwas gesagt zu haben. Sie traute ihren Ohren nicht,als sie sich die Zeit nahm, das Gesagte vor sich zu wiederholen. andererseits konnte sie nichts Falsches darin finden. "Du sagtest, dass du den Eindruck gehabt hättest, dass sie einander kannten." "Ich bin mir sicher, dass sie sich kannten." Und ich werde es Ihnen beweisen." Langsam, so schnell wie es ihr möglich war, drehte sich Inge um. "Du kannst nicht einfach auf sie zeigen. Man zeigt nicht mit nacktem Finger auf angezogene Leute!" dachte Inge. Außerdem konnte sie das Gefühl nicht abschütteln, dass ihr Arm viel zu kurz war für eine so weite Geste, selbst wenn sie sie für die Beamten mit eineigen Worten angeschoben oder verstärkt hätte. Also ging Inge mit ihren kleinen, unsicheren Schritten auf die junge Frau zu. Einen Augenblick lang sah sie ihr unschlüssig ins Gesicht. Sie überlegte, ob sie ihr die Hand geben sollte. Aber sie war zu schüchtern für diese Handgreiflichkeit, wagte es nicht einmal, die Hand leicht auszustrecken. Doch sie brachte wenigstens den Mut auf, sie direkt anzusprechen und ihrem Blick standzuhalten. "Guten Abend, Nina! Herzliches Beileid zum Tod ihrer Mutter!" Von der jungen Frau kam keine Reaktion. Aber das war Reaktion genug. © Paula grimm, November 2003

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Achtundachtzig Blütenblätter für Gertrud

Der Sommer setzte Lebendes nicht mit flirrender Hitze unter Druck. Der Julihimmel hielt sich bedeckt. Aber es regnete nicht.
“Guten Tag, Daggi!”
“Herzliches Beileid auch dir, Daggi!”
“Wie geht es dir sonst so, Daggi?”
“Hallo, bald hätte ich dich übersehen, Daggi!”
Und Daggi, wie es aus aller Munde kam, hatte wie eh und je diesen falschen verniedlichenden Klang. Es waren viele Leute zu begrüßen, Beileidsbekundungen entgegen zu nehmen und vor allem Hände zu schütteln. Weil das seine Zeit brauchte, verwehte plötzlich der Kindheitsgeruch nach Haferschleim und Zitrusspülmittel die aktuellen In-Düfte der Parfüms, Deos und Aftershaves. Und die Großmutter sagte in ihrem Singsangdialekt von weiter rheinaufwärts, der immer gleichermaßen schimpfend und jammernd klang:
“Jib’ dat schöne Händsche, Daggi!”
Dieser und andere Sätze in diesem Zungenschlag waren seit dreißig Jahren eigentlich verstummt. Doch zu Zeiten häufig ausgesprochen blieben sie ohne Sinn im Verstand und in der Familie, bis der Letzte, dem sie zu Lebzeiten zu Ohren gekommen waren, gestorben sein würde. So oft ungefragt die Ratschläge erteilt worden waren, so oft sie geklagt, verurteilt und geprahlt hatte, Niemand konnte und mochte diese jammernde Schimpferei imitieren. Jeder bekam die rechte Hand und einen Gruß und Dank in der hiesigen raueren sprachweise. Und die Rechte war wie di Linke und wie die Füße klein geraten und wieder einmal durch Macken an den Nagelbetten und einen Riss an der Daumenwurzel nicht das schöne Händchen.
“Wenigstens muss erst mal nicht gewinkt werden. Dabei verpasse ich wohl immer noch den Einsatz, weil ein Abschiedswort noch lange keinen Abschiedsblick und keine Kehrtwende zum Gehen ist, blinde Kuh.” “Es geht los, Daggi!” sagte Martha, die Älteste von den fünf, die Gertrud geboren hatte. “Also bei ihr unterhaken!” gedacht, nichts gesagt aber getan.
Der Weg zu dem Bereich für die anonymen Grabstätten war, wie man so sagt, ein gutes Stück Weg.
“Gehen hilft immer irgendwie!”
Martha unterhielt sich gedämpft mit Leuten, die vor und hinter ihr gingen. Und darum musste sie nicht Daggi sagen. So war es zumindest leicht, den eigenen Gedanken nachzugehen. - “Gehen hilft immer irgendwie!”
“Gertrud war wie Martha die Älteste zu Hause. - Zu Hause in Ostpreußen. - Zu Hause an der Bahnstrecke, wo abends dann irgendwann nicht mehr nur die Güterzüge und Viehtransporte nach Osten rollten. - Zu Hause, wo dann irgendwann auf den Güter- und Viehwagons Menschen Nach Osten abgeschoben wurden. - Zu Hause, wo dann noch später mit Menschen überladene Züge nach westen fuhren. - Zu Hause, von wo sich Gertrud dann ohne den Vater aber mit den Großeltern zu Fuß in den ungewissen Westen aufgemacht hatte. Und die beiden Kleinen, Renate und Oskar, waren auf der Strecke geblieben. - Gertrud war die einzige gewesen, die meistens Dagmar gesagt hatte. - voller Stolz, weil sie sich in diesem Fall gegen ihren Mann und ihre Schwiegermutter durchgesetzt hatte. Anders war es bei Martha.” Sie hieß wie die Jugendfreundin des Vaters. Martha empfand es als eine Zurücksetzung so zu heißen wie jemand, der im Alter von Anfang zwanzig tödlich mit dem Auto verunglückt war. Und Martha empfand es mit Mitte vierzig immer noch beleidigend, dass Dagmar Dagmar, also taghell, hieß.
“Es ist absourd jemanden taghell zu nennen, der im dunkelsten Winter geboren ist, und der nie gesehen hat und nie sehen wird, was taghell ist.”
“Und selbst, wenn das stimmte, gab es keinen triftigen Grund dafür der Namensgeberin und der Trägerin des Namens den Klang wegzunehmen und lebenslänglich mit diesem falschen und verniedlichenden Ton Daggi zu sagen.” Schließlich erreichten sie den Platz, an dem Gertruds Urne beigesetzt werden sollte. Der Mandatar wartete bis alle Trauergäste sich in einen Halbkreis um das Urnengrab versammelt hatten. Dabei ließ sich ein Augenblick der Stille und des Stillstands nicht vermeiden. Und wenn Dagmar geistesgegenwärtig genug gewesen wäre und mit dem schönen Händchen, dem Linken, das von Herzen kommt, in die Luft gegriffen hätte, hätte sie wohl ein großes Stück von dem kleinen Glück aufgeschnappt, das die Natur einfachen, bodenständigen Leuten, die das Herz auf dem rechten Platz haben, bereit hält. So blieb ihr nur kurz festzustellen, dass Gertrud ihren Platz für die ewige Ruhe richtig gewählt hatte. Es war ein Ort mit Gras, Blumen und Bäumen. Es gab Plätze in ihrem Garten, die so waren. Wer nicht heimisch sein darf, muss sich heimisch machen. Dabei gibt es keine heile Welt. Dazu sind diese Plätze zu bescheiden. Und dazu musste man für so einen eigenen Platz zu oft, zu viel und zu hart arbeiten. Der Trauerredner hielt eine kurze Rede. Dann folgte zumindest das Vater unser. Das Vater unser war wie das Gehen. Es hilft immer. In seiner Ungereimtheit auch Gertruds Leben näher als jedes Lied, waren die Worte dieses Gebetes so gesetzt, dass man sie wie bei jedem Gang rhythmisch so gestalten konnte, wie es gerade angemessen war. Auf die Länge und die rituelle Struktur war verzichtet worden, um falsche Gefühligkeit zu vermeiden. Was immer das auch sein mochte. Und es stimmte, dass Gertrud keine Kirchgängerin gewesen war. Sie war in den Garten gegangen, so lange sie konnte. Und ihren Garten hatte sie mit Kopf, Herz und Hand gepflegt und war damit bodenständig genug, um Herz und Seele nach oben und ganz weit offen zu haben. Und damit gehörte sie im unkonfessionellen Sinn zu den gläubigen Menschen. Und sie hatte gebetet. Und was konnte auf dieses einfache und dennoch großartige Gebet folgen? Jeder Trauergast ging zum Urnengrab. In den letzten Tagen war viel und laut über die Beerdigung gesprochen worden. Und weil alle sich bemühten so laut und so schnell als möglich mitzureden, waren viele falsche Worte gefallen. Und sie alle hingen nach dem Vater unser plötzlich in der Sommerluft. Die Tränen, die auch bei Dagmar, die sie schlucken wollte, reichlich flossen, hatten sie nicht wegspülen können. Jeder ging allein an das Grab, auch wenn sie zu zweit an das Grab herantraten wie Martha und Dagmar. Plötzlich wurde Dagmar gewahr, dass sie vor einem Korb mit Blütenblättern stand. Und links neben diesem Korb, also an der Herzensseite war das Urnengrab. Auf die Blütenblätter und dieses Loch war Dagmar nicht vorbereitet gewesen. Darüber war in all der Zeit, die seit Gertruds Sterben verstrichen war, kein Wort verloren worden. Dagmar erinnerte sich daran, dass sie vor fast dreißig Jahren hier auf dem Friedhof aber an ganz anderer Stelle für die Großmutter einen Kranz in ein größeres Grab geworfen hatten. Und Gertrud hatte sich ihr anonymes Grab auch deshalb gewünscht, um nicht neben ihrer Schwiegermutter in das Doppelgrab zu müssen. “Was ist jetzt zu tun? - Hier geht es nicht um das schöne Händchen. - Wie viele Blütenblätter müssen es sein? - Achtundachtzig - Erst immer fünf und zuletzt drei!”! “Mensch, Daggi, was machst du denn da? Du hältst den ganzen Verkehr auf!” Martha sprach leise, aber der ungeduldige Ton in ihrer Stimme war nur umso lauter zu hören.
“Nicht die Sonne, die Weite bringt es an den Tag!”
“Ich zähle die angemessene Zahl für Gertrud ab!”
“Für Gertrud?”
“Ja, für Gertrud, die mit dem Schwert vertraute. So hieß sie doch!”
“Aber warum sagst du Gertrud zu ihr, Daggi? Sie war unsere Mutter!”
“Ja, das auch!”
“Wie viele von den Blütenblättern meinst du denn zu brauchen?”
“Die fünfundsiebzig für jedes gelebte und erlebte Jahr habe ich schon! Also die viele Arbeit, der Kummer, die Sehnsucht, die Vertreibung, die Krankheiten und so sind schon bedacht!” “Und was kommt jetzt noch?”
Diese spitze Frage nahm Dagmar erst abends, als sie in ihrem Bett lag, wahr. Was sie aber in Echtzeit spürte, war Marthas wachsende Ungeduld. Sie hätte Dagmar gern stehen gelassen. Aber das traute sie sich nicht. Wenn sie sich wenigstens mit den anderen Trauergästen hätte verbünden können. Aber die warteten geduldig in gebührendem Abstand, weil sie Dagmars Tränen bemerkten und fühlten, dass alles seinen angemessenen Lauf für Dagmar und für Gertrud ging.
Und alles ging so gut als möglich.
“Fünfundsiebzig für jedes gelebte und erlebte Jahr, eins als Trostpflaster für jeden Kummer, eins zum Trost für die unerfüllte Sehnsucht, eins für die unerfüllte Liebe, eins für jede erlittene Ungerechtigkeit, eins als Lohn für jede Plackerei, eins für jede vergebliche Mühe, eins für jeden erlittenen Schmerz und für jede Krankheit. Und der Dank darf nicht fehlen, eins für jedes gute Wort, eins für die Zuverlässigkeit, eins für jede geübte Nachsicht, eins für die Liebe, die immer von Herzen kam, auch wenn sie immer nur ein praktisches Aussehen hatte, eins für die Mühe um Gerechtigkeit und eins für die Bemühung um Verständnis, was selten gelang aber nie aufhörte.” (c) Paula Grimm / Issum

20.10.13 19:38, kommentieren